Wenn Nachfolge mehr ist als «Weiter so»
Wer in ein bestehendes Unternehmen einsteigt, übernimmt mehr als nur Zahlen und Verträge: Er oder sie übernimmt auch ein bereits gelebtes Kapitel Geschichte. Die Frage ist: Schreibt man dieses Kapitel einfach weiter oder beginnt man ein neues?
Gerade in Familienunternehmen treffen zwei starke Kräfte aufeinander: die Emotion des Lebenswerks und der Druck, das Geschäftsmodell und die Kultur weiterzuentwickeln. Die älteren Generationen wünschen sich, dass «ihr» Unternehmen erkennbar bleibt. Die Jüngeren sehen gleichzeitig, wie schnell sich Märkte, Technologien und Werte verschieben. In diesem Spannungsfeld heisst Verantwortung übernehmen: Respekt vor der Geschichte zu haben und trotzdem bereit zu sein, liebgewonnene Sicherheiten zu hinterfragen.
Nachfolger:innen, die ihre Rolle aktiv gestalten, verstehen sich nicht als Verwalter:innen, sondern als Architekt:innen der nächsten Dekade. Sie modernisieren nicht nur Logos und Kampagnen, sondern auch Produkte, Prozesse und Entscheidungslogiken. Und sie akzeptieren, dass echtes Neudenken ohne Reibung kaum möglich ist – weder mit der Familie noch mit den Mitarbeitenden.
Wer übernimmt, sollte sich deshalb die folgende unbequeme Frage stellen: «Wenn ich dieses Unternehmen heute neu gründen würde – was würde ich genauso machen und was würde ich bewusst anders machen?» Die ehrliche Antwort ist oft der Punkt, an dem Leadership in der Nachfolge beginnt.
Nachfolge, verstanden auf diese Weise, ist kein «Weiter so», sondern eine bewusste Neuausrichtung auf Basis eines starken Fundaments. Wer diese Verantwortung annimmt, bewahrt ein Lebenswerk nicht durch Stillstand, sondern dadurch, dass es auch in zehn Jahren noch eine Zukunft hat.
Beitrag von Susanne Kutterer, Partnerin bei der CONTINUUM AG