Zurück aus den Ferien: Was lief ohne Sie? Und was bedeutet das für Ihre künftige Rolle?
Es gibt zwei Arten von Sommer: den lauten, in dem ohne die Unternehmerperson kaum etwas geht, und den stillen, in dem das Geschäft scheinbar problemlos weiterläuft.
Beide Sommer sind eine Diagnose. Nach der Rückkehr folgt der wichtigere Schritt: Was sagt diese Diagnose über die eigene Rolle und die Nachfolgefähigkeit des Unternehmens aus?
Vielleicht wartet ein voller Posteingang. Entscheide wurden aufgeschoben, Kunden wollten nur mit Ihnen sprechen und eine Offerte blieb ohne Ihre Freigabe liegen. Vielleicht ist das Postfach aber auch überraschend übersichtlich und Sie fragen sich, ob Sie überhaupt vermisst wurden.
Weder der volle noch der leere Posteingang ist ein Massstab für die eigene Bedeutung. Beide können jedoch sichtbar machen, wie das Unternehmen organisiert ist und wie stark seine Handlungsfähigkeit noch an einer Person hängt.
Vier Fragen helfen bei der Einordnung.
- Was hing tatsächlich an mir?
Nicht jeder Anruf aus dem Unternehmen ist problematisch. Manche Rückfragen zeigen, dass Eskalationswege funktionieren. Kritisch wird es, wenn wiederkehrende Entscheide nur deshalb liegen bleiben, weil Wissen, Kompetenz oder Vertrauen an einer Person hängen.
Schauen Sie deshalb genauer hin:
- Welche Fragen mussten tatsächlich von Ihnen entschieden werden?
- Wo fehlten Informationen oder Vollmachten?
- Wo hätten andere entscheiden können, trauten sich aber nicht?
- Und wo wurden Sie lediglich kontaktiert, weil es schon immer so gemacht wurde?
Eine Stellvertretung auf dem Organigramm genügt nicht. Sie muss über klare Entscheidungsspielräume verfügen und darauf vertrauen können, dass ihre Entscheide nach Ihrer Rückkehr nicht grundsätzlich infrage gestellt werden.
Das Ziel ist nicht ein Unternehmen, das Sie nie mehr kontaktiert. Das Ziel ist eine Organisation, die auch ohne Ihre ständige Verfügbarkeit handlungsfähig bleibt.
- Welche Rolle möchte ich künftig spielen?
Ein voller Posteingang kann das Gefühl vermitteln, unersetzbar zu sein. Ein leerer Posteingang kann jedoch am eigenen Selbstverständnis rütteln. Beide Reaktionen greifen zu kurz.
Wichtiger als die Häufigkeit der Kontakte ist eine andere Frage: Wo möchten Sie dem Unternehmen künftig einen echten Mehrwert bieten?
Möchten Sie die operative Führung noch einige Jahre behalten? Vielleicht liegt Ihre künftige Rolle stärker in der Strategie, im Verwaltungsrat, in der Pflege wichtiger Beziehungen oder im Sparring mit der nächsten Generation.
Wer Verantwortung übergeben will, muss nicht bedeutungslos werden. Die neue Rolle sollte aber bewusst gewählt werden. Sonst bleibt die Unternehmerperson operativ präsent, obwohl sie sich innerlich längst zurückziehen möchte. Oder sie zieht sich zurück, ohne zu wissen, was an die Stelle der bisherigen Aufgabe treten soll.
Loslassen beginnt nicht erst mit dem Verkauf oder der formellen Übergabe. Es beginnt mit der Bereitschaft, andere entscheiden zu lassen – auch wenn sie dabei nicht immer gleich vorgehen würden.c
- Teilt die Familie dasselbe Bild?
Die Unternehmerin sieht vielleicht einen schrittweisen Rückzug. Der Sohn erlebt weiterhin jeden wichtigen Entscheid als Chefsache. Eine nicht operativ tätige Tochter wartet auf Informationen. Der Ehepartner fragt sich, ob die angekündigte Entlastung jemals stattfinden wird.
Solche unterschiedlichen Wahrnehmungen sind normal. Problematisch werden sie, wenn alle davon ausgehen, dass die anderen unter «Nachfolge» dasselbe verstehen.
Familienzugehörigkeit ist noch keine Rolle. Wer eines Tages Verantwortung übernehmen soll, braucht ein klares Mandat, Entwicklungsmöglichkeiten und die Freiheit, sich auch dagegen entscheiden zu können.
Eine einfache Frage kann das Gespräch öffnen:
Welche Rolle erwarten wir in drei Jahren voneinander – in der Familie, im Unternehmen und im Eigentümerkreis?
Die Antworten müssen nicht sofort übereinstimmen. Aber sie sollten ausgesprochen werden.
- Was bedeutet meine künftige Rolle für Eigentum und Vermögen?
Der Rückzug aus der operativen Führung ist nicht dasselbe wie der Rückzug aus dem Eigentum. Trotzdem werden diese beiden Übergänge häufig miteinander vermischt.
Wer die Geschäftsführung abgibt, kann weiterhin Aktionär, Verwaltungsrat oder strategischer Sparringspartner bleiben. Umgekehrt kann eine operative Übergabe scheitern, wenn finanzielle Erwartungen an Dividenden, Kaufpreis oder Altersvorsorge ungeklärt sind.
Zur Rollenklärung gehören deshalb auch Fragen wie:
- Welches Einkommen benötigt die abgebende Generation?
- Wie viel Kapital soll im Unternehmen bleiben?
- Wer trägt künftig das unternehmerische Risiko?
- Wie werden Eigentum, Führung und Einfluss voneinander getrennt?
Was als persönliche Rollenfrage beginnt, betrifft somit stets auch Familie, Unternehmen und Vermögen.
Signale statt Urteil
Ferien sind kein vollständiger Nachfolgetest. Ein ruhiger Verlauf beweist nicht, dass das Unternehmen übergabefähig ist. Vielleicht wurden wichtige Entscheide lediglich aufgeschoben. Umgekehrt ist nicht jeder Anruf ein Zeichen organisatorischer Schwäche.
Relevant ist das Muster dahinter: Was blieb liegen, weshalb blieb es liegen – und geschieht dies regelmässig?
Der 30-Minuten-Realitätscheck
Nehmen Sie ein Blatt Papier und bilden Sie drei Spalten:
- Das hängt heute noch an mir.
- Das könnten andere bis zum nächsten Sommer übernehmen.
- Dazu möchte ich auch künftig beitragen.
Bitten Sie anschliessend Ihre Stellvertretung und ein Familienmitglied, dieselben Fragen unabhängig zu beantworten. Besonders aufschlussreich sind nicht die Übereinstimmungen, sondern die Unterschiede.
Wählen Sie daraus einen konkreten Schritt, den Sie bis Ende September umsetzen: eine Entscheidungskompetenz übertragen, Wissen dokumentieren, eine Stellvertretung erproben oder Erwartungen innerhalb der Familie offen ansprechen.
Nachfolge beginnt selten mit dem Aktienkaufvertrag. Sie beginnt mit der bewussten Entscheidung, welche Rolle man künftig spielen will – und welche nicht mehr.
Eine gute Nachfolge macht die Unternehmerperson nicht überflüssig. Sie sorgt dafür, dass ihre Anwesenheit eine bewusst gewählte Rolle ist und keine betriebliche Voraussetzung.
Beitrag von Dr. Stefan Schneider, Partner und Mitglied des Verwaltungsrates des CONTINUUM AG