Langfristigkeit ist keine Strategie

21. April 2026

«Wir denken in Generationen» ist ein ehrenwerter Satz, oft aber eine bequeme Ausrede. Warum Langfristigkeit allein keine Strategie ist und echte Strategie dort beginnt, wo Entscheidungen unbequem werden.

Vor einigen Monaten sassen wir in einem Beratungsgespräch mit einer Unternehmerfamilie, vierte Generation. Der Sohn wollte expandieren: in ein neues Segment, mit anderen Margen und einer grundlegend anderen Marktlogik. Die Mutter zögerte. Nicht aus Angst, wie sie sagte. Sondern weil sie nicht sicher war, ob das Neue noch «zu uns» passe. Das Gespräch dauerte zwei Stunden. Am Ende hatten sie keine Antwort, aber die richtige Frage.

Diese Frage – was gehört zu uns, und was nicht? – ist der Kern jeder Eignerstrategie. Sie ist schwerer zu beantworten als jede Marktanalyse. Und sie wird in vielen Familienunternehmen gar nicht erst gestellt, weil die Antwort unbequem sein könnte.

Wer sie nicht stellt, zahlt einen Preis. Ich erinnere mich an ein Industrieunternehmen, das drei Generationen lang an einem Geschäftsfeld festhielt, dessen Margen seit Jahren erodierten. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Loyalität gegenüber dem Grossvater, der es aufgebaut hatte. Als die Familie handelte, war der Spielraum fast aufgebraucht. Tradition hatte dort nicht geschützt. Sie hatte den Blick verstellt.

In einem anderen Fall hiess die Antwort: die Rollen in der Familie neu zu ordnen, den Gründerenkel aus der operativen Leitung herauslösen und in den Verwaltungsrat überführen. Nicht als Rückschritt, sondern als bewusste Entscheidung für die richtige Person am richtigen Ort. Das war keine Abkehr von der Tradition. Es war ihre konsequente Anwendung.

Strategie beginnt dort, wo man konkret benennt, was sich verändern muss, und bereit ist, diese Antwort auszuhalten. Unternehmerfamilien, die diesen Prozess ernst nehmen, fragen nicht, wie sie zum Start-up werden. Sie fragen: «Was müssen wir verändern, damit das Unternehmen in zwanzig Jahren noch einen echten Nutzen stiftet –für die Familie, für die Mitarbeitenden, für das Vermögen?» Das ist eine ruhigere Frage. Und oft die klügere.

Die Unternehmerfamilie von damals hat sich übrigens entschieden. Nicht sofort. Aber mit Klarheit. Der Sohn expandiert in ein Feld, das zur Familie passt, nicht nur zum Markt.

 

Beitrag von Stefan Schneider, Dr. oec., Partner bei der CONTINUUM AG